Robert-Enke-Gedenktag / 10.11.2011

Veröffentlicht: 10. November 2011 in AKTUELLES / NEUES, SPORTwelt
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Fans verabreden sich zu Trauermarsch an Enkes Todestag

Von Heiko Rehberg | HAZ.de (Ausschnitt)
 
Private Trauer und kein großer Rummel: Der zweite Todestag von Robert Enke soll an diesem Donnerstag in Hannover ruhig verlaufen. Fans haben sich über das Internet wie im Vorjahr zu einem Trauermarsch verabredet, aber es gibt keine öffentliche Veranstaltung.
 
Ein großartiger Torwart – und ein außergewöhnlicher Mensch: Robert Enke.

Ein großartiger Torwart – und ein außergewöhnlicher Mensch: Robert Enke.

Nationaltorwart, ein großartiger Sportler und ein außergewöhnlicher Mensch, das Leben. Die Erinnerung an diese Tragödie, die Millionen Menschen in Deutschland berührt hat, in Hannover noch mehr als anderswo, entfaltet auch nach zwei Jahren eine emotionale Wucht, obwohl sich der Fußball schnell weitergedreht hat, weiterdrehen musste. Enke hätte es gar nicht anders gewollt.

Freitag wird Hannnover mit Ron-Robert Zieler wieder einen Nationaltorwart haben. Dass in seinem Vornamen ein Robert steckt, dass er sein erstes Länderspiel einen Tag nach Enkes zweitem Todestag machen wird, das alles ist ein Zufall. Zieler hat Enke nie kennengelernt, aber jede Wette: Dem erfahrenen Torwart Enke hätte der junge Torwart Zieler sehr gefallen.

Hannover 96 spielt mittlerweile im Europapokal, allein der Gedanke daran hätte Enke dieses typische, zurückhaltende Enke-Lachen entlockt. Mit den „Roten“ im Europacup, mit dem Verein, der ihm mehr bedeutete als der große FC Barcelona und jeder andere Verein in seiner wechselhaften Karriere, das war immer ein Fußballtraum von ihm.

Der Gedanke, Enke würde noch zwischen den Pfosten stehen, kommt einem bei 96-Spielen immer mal wieder. Wer hat ihn in den vergangenen zwei Jahren noch nicht gehabt, und wenn es für einen Augenblick ist, für wenige Sekunden auf der Tribüne oder am Trainingsplatz?

Der Gedanke macht traurig. Ein Spiel wie in Kopenhagen, mit 10.000 Menschen aus Hannover als phantastische Unterstützung, hätte jeder Enke gegönnt. Doch es gibt noch eine andere Seite. Bereits die Vorstellung, was Enke ein Spiel wie in Kopenhagen bedeutet hätte, enthält etwas Versöhnliches, etwas Zuversichtliches, weil es eindrucksvoll zeigt: Niemand hat Robert Enke vergessen. Er spielt nicht mehr für 96. Aber in der Elf der Herzen ist und bleibt er die Nummer 1.

„Robert, wir denken an Dich“, steht auf einer kleinen schwarzen Tafel an Enkes Grab auf dem Empeder Waldfriedhof. Rund um einen Schal von 96, der Länge nach ausgebreitet und dreckig von der Erde, liegen viele handgroße Steine, manche haben die Form eines Herzens. Auf den meisten von ihnen steht nur ein Wort: „Unvergessen“. Es ist ein schönes Wort. Und keines passt besser zu Robert Enke.

Am Donnerstag, an Enkes zweitem Todestag, wird wie vor einem Jahr wieder diskutiert werden, was sich seitdem verändert hat. Und wie vor einem Jahr gibt es keine eindeutigen Antworten. Aber es gibt das, was Martin Kind, der Klubchef von Hannover 96, „kleine Hoffnungsschimmer“ nennt.

Vor zwei Monaten begab sich Markus Miller, der Ersatztorwart von 96, wegen psychischer Probleme und „mentaler Erschöpfung“ in stationäre Behandlung in eine Klinik, Ende November wird er zurückkehren nach Hannover und wieder das Training aufnehmen. Kurze Zeit nach Miller stieg Ralf Rangnick, der ehemalige 96-Trainer, bei Schalke 04 wegen eines Burnouts aus dem Bundesligageschäft aus. Miller und Rangnick bekannten sich öffentlich zu ihren Erkrankungen. Für ein, zwei Tage war es ein großes Medienthema, danach nicht mehr. „Uns als Stiftung hat es gefreut, dass die Medien in beiden Fällen das Thema nicht ewig behandelt haben, denn das hätte andere abschrecken können“, sagt Jan Baßler. Er ist Geschäftsführer der Robert-Enke-Stiftung.

Wäre es Miller oder Rangnick vor beispielsweise drei Jahren schwerer gefallen, mit ihrer Krankheit an die Öffentlichkeit zu gehen? Auch das ist eine Frage ohne klare Antwort. „Es scheint sich eine Bereitschaft entwickelt zu haben, über solche Dinge zu sprechen“, sagt 96-Sportdirektor Jörg Schmadtke. Klubchef Kind sieht den Fortschritt eher in einer „gewissen Normalität in der öffentlichen Wahrnehmung“. Ansonsten überlegt Kind etwas länger, wenn er erklären soll, ob sich nach Enkes Tod etwas verändert hat im Fußballgeschäft. „Ganz ehrlich“, sagt Kind, „ich glaube wenig.“

Auch Schmadtke glaubt nicht, dass der Umgang im Fußball „insgesamt sensibler“ geworden ist. Die öffentliche Beurteilung der Leistungen von Fußballern, Trainern und Schiedsrichtern ist seiner Ansicht nach nicht vorsichtiger als vor zwei Jahren.

Schmadtkes Worte erinnern daran, dass man den schnell rollenden Ball immer mal wieder stoppen muss. Mit dem Fuß, wie ein umsichtiger Mittelfeldregisseur. Oder mit den Händen. So, wie es Robert Enke nach eigentlich unhaltbaren Bällen gemacht hat.

Fans verabreden Trauermarsch

Dort, wo sich am Abend des 10. November 2009 Hunderte versammelt hatten, um nicht allein sein zu müssen mit ihrer Trauer und ihren Gefühlen, werden sich auch am Donnerstag wieder Menschen treffen. Hunderte? Tausende? Keiner weiß das genau, und im Grunde ist es auch unwichtig; wichtig ist, dass die Menschen in der Region Robert Enke nicht vergessen haben.

Über das Internet haben sich wie im Vorjahr Fans zu einem Trauermarsch verabredet. „Am Kröpcke wird der Trauermarsch um 18.23 Uhr, von Kerzen begleitet, durch die Innenstadt bis hin zur AWD-Arena gehen. Vor der AWD-Arena kann jeder, der möchte, seine Blumen und Kerzen niederlegen“, heißt es im sozialen Netzwerk Facebook.

Eine offizielle Veranstaltung von Hannover 96 wird es nicht geben, der Verein verzichtet diesmal auch – anders als am ersten Todestag – auf ein Trauerzelt vor dem Stadion an der Robert-Enke-Straße. „Wir haben nichts geplant“, sagt Sportdirektor Jörg Schmadtke: „Wir tragen die Sache im Herzen.“ Klubchef Martin Kind bestätigte, dass „wir als Verein nichts machen. Alle Menschen haben aber die Möglichkeit, ihre eigenen Gedanken und Gefühle bei dem Thema auszuleben.“ Dass 96 offiziell nichts veranstalte, bedeute keineswegs, dass der Verein nicht an Enke denke.

Bei Kind, Trainer Mirko Slomka, Schmadtke und den Spielern ist Enke – wie bei den Fans – unvergessen. Der Klub vermeidet jedoch aus verständlichen Gründen großen Rummel. Und er achtet darauf, dass das Thema nicht zu nah an die Mannschaft kommt, die damals nach Enkes Tod wie traumatisiert erst am letzten Spieltag den Abstieg in die 2. Liga verhinderte. Heute sind viele Spieler dabei, die mit Enke nicht mehr zusammengespielt haben, und doch ist eine Berührungsangst zu spüren. Aber das ist nichts, wofür man dem Verein einen Vorwurf machen muss.

96 hat sich respektvoll und sensibel verhalten, als im September der Ersatztorwart Markus Miller psychische Probleme gestand, auch die Öffentlichkeitsarbeit des Vereins funktionierte vorbildlich.

Hannover 96 und vor allem Kind haben geholfen, die Robert-Enke-Stiftung zu gründen und auf ein solides Fundament zu stellen. Kind sitzt im Stiftungsrat und ist voll des Lobes für die Arbeit der Vorstandsvorsitzenden Teresa Enke und des Geschäftsführers Jan Baßler.

Die Stiftung dient der Aufklärung, Erforschung und Behandlung von Depressionen sowie Herzkrankheiten bei Kindern. Gefördert werden Projekte, Einrichtungen oder Studien, eine „Einzelfall-Förderung privater Personen“ gibt es laut Baßler nicht. Seit ihrer Gründung hat die Stiftung Spenden und Einnahmen von rund einer Million Euro erhalten.

Einen kleinen Sieg gibt es für die Stiftung bereits zu feiern. Ein öffentliches Bekenntnis zu Krankheiten wie Depression oder Burnout sei kein Tabuthema mehr, sagt Baßler: „Und Enttabuisierung ist letztlich das, was Frau Enke einen Tag nach dem Tod ihres Mannes gefordert hat.“

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