Die etwas anderen Legenden, Teil 2: Bernhard (‚Bert‘) Trautmann

Veröffentlicht: 24. August 2012 in SPORTwelt
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Ein deutscher Kriegsgefangener und Feind wird zur Legende vieler Engländer. Selbst ein Genickbruch während eines Pokalendspiels konnte Bernhard „Bert“ Trautmann nicht aufhalten!

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkrieg kämpfte Trautmann als Fallschirmjäger für die Wehrmacht im Westen der Sowjetunion. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft, konnte entkommen und wurde von den Briten erneut festgenommen. Die Briten sollen ihm bei der Gefangennahme „Hello Fritz, fancy a cup of tea?“ („Hallo Fritz, Lust auf eine Tasse Tee?“, Fritz diente als Synonym für die Deutschen) zugerufen haben. Er wurde in das britische Kriegsgefangenenlager POW Camp 50 (heute die Byrchall High School) in Ashton-in-Makerfield gebracht, das zwischen St Helens und Wigan liegt. Später wurde er in ein ähnliches Lager in Huyton bei Liverpool verlegt. Bei Fußballspielen zwischen den Lagern spielte er im rechten Mittelfeld, bis es eines Tages keinen Torhüter gab und Trautmann sich an dieser Aufgabe versuchte, was ihm auch durchaus gut gelang. In dieser Zeit wurde er Bert gerufen, da es den Briten schwer fiel, Bernd, die Kurzform seines Vornamens, korrekt auszusprechen.

Ein schwieriger Start

Trautmann blieb nach dem Kriegsende im Vereinigten Königreich und spielte als Torwart für den Provinzklub St Helens Town aus der Nähe von Liverpool. Bei einem Freundschaftsspiel gegen Manchester City zog er die Aufmerksamkeit des gegnerischen Vereinsvorstands auf sich. Bei City unterschrieb er im Oktober 1949 einen lukrativen Vertrag und ersetzte den äußerst beliebten englischen Nationaltorhüter Frank Swift. Das einstige Mitglied der Luftwaffe wurde in Manchester teilweise mit offener Feindseligkeit empfangen. Zwanzigtausend gingen aus Protest auf die Straße, um gegen den Transfer von „Traut the Kraut“ zu protestieren und Plakate mit Aufschriften wie „Off with the German“ („Raus mit dem Deutschen!“) zu präsentieren. Einige Fans von Manchester City gaben aus Protest ihre Dauerkarten an den Verein zurück, der von diversen Fangruppen mit Protestbriefen bombardiert wurde. Zwei Dinge ließen die Proteste in Manchester jedoch schnell verstummen: Zum einen schrieb der Rabbi von Manchester, Dr. Alexander Altmann, einen offenen Brief an die Bürger der Stadt und bat darum, unvoreingenommen mit Trautmann umzugehen. Zum anderen überzeugte Trautmann seine Kritiker mit Leistung. Bei seinem ersten Auftreten bei einem Auswärtsspiel in London beim Spiel gegen den FC Fulham applaudierten ihm nach der Begegnung die gegnerischen Spieler und die Fans von Fulham. Dennoch hätte er fast den Weg zurück nach Deutschland genommen: Ende des Jahres 1952 sagte Trautmann dem FC Schalke 04 einen Wechsel nach Gelsenkirchen zu. Der Transfer scheiterte letztlich an der verlangten Ablösesumme von 20.000 Pfund Sterling – zu jenem Zeitpunkt etwa 200.000 Deutsche Mark.

Goldene Jahre bei Manchester City

Innerhalb weniger Jahre wurde Trautmann zum besten Torhüter der englischen Liga und konnte sich zur Weltspitze zählen. In England unvergessen ist das Finale des FA Cups 1956 im Londoner Wembley Stadium, in dem Manchester City gegen Birmingham City antrat und 3:1 gewann. In der 75. Spielminute wehrte Trautmann eine hereingeschlagene Flanke ab und wurde dabei von Birminghams Stürmer Peter Murphy im Nacken getroffen. Da zu dieser Zeit noch keine Auswechslungen erlaubt waren, spielte Trautmann auch die restliche Viertelstunde und avancierte zum Spieler des Tages, als er trotz Verletzung sein Tor verbissen gegen das anstürmende Birmingham verteidigte. Eine Röntgenuntersuchung drei Tage nach dem Spiel ergab, dass Trautmann sich bei dem Zusammenprall mit Murphy einen Genickbruch zugezogen hatte und fünf weitere Halswirbel ausgerenkt waren. Dass er überlebte, gilt bis heute als medizinisches Wunder.

Zwischen 1949 und 1964 spielte Trautmann 545 Mal für Manchester City. Allerdings stand er nie im Aufgebot der deutschen Nationalmannschaft, da Bundestrainer Sepp Herberger in seiner Mannschaft keine Legionäre einsetzte, was für Trautmann, der als der beste Torhüter der Welt angesehen wurde, sehr frustrierend war. Trautmann wurde 1956 schon vor seinem Auftritt im Finale des FA Cups als nach dem Iren Johnny Carey zweiter ausländischer Spieler in England zum Fußballer des Jahres gewählt. Zuvor hatte er bereits 1955 im Finale desselben Wettbewerbs gestanden, dieses wurde jedoch von Newcastle United, das von Jackie Milburn angeführt wurde, gewonnen. 1960 entschied sich der englische Fußballverband, bei den Ligaauswahl-Mannschaften auch Ausländer zuzulassen. Trautmann war Kapitän dieses All Star-Teams, das gegen die irische Liga antrat, und spielte auch gegen die italienische Serie A.

1964 beendete er seine Karriere als Spieler mit 41 Jahren in seinem 639. Spiel. Über 60.000 Zuschauer wohnten seinem Abschiedsspiel im völlig überfüllten Stadion an der Maine Road bei – eine bemerkenswerte Wandlung der Fans, die den Deutschen zuerst nicht in ihren Reihen haben wollten. Trautmann war in diesem Spiel der Kapitän einer Manchester-Auswahl, für die unter anderem Bobby Charlton und Denis Law spielten, die gegen eine England-Auswahl antrat, für die unter anderem Tom Finney, Stanley Matthews und Jimmy Armfield gegen den Ball traten. Nach der Partie nannte ihn Bobby Charlton einen der größten Torhüter aller Zeiten. Der russische Torwart Lew Jaschin erklärte: „Es gab nur zwei Weltklasse-Torhüter. Einer war Lew Jaschin, der andere war der deutsche Junge, der in Manchester spielte – Trautmann.“ (Kurioserweise hatten diese beiden Torhüter auch den gleichen Geburtstag, den 22. Oktober.) Im Stadion an der Maine Road wurden sogar die Pfosten abgerissen und ausgetauscht, da zwischen diesen Pfosten niemand anderes mehr stehen sollte als Trautmann.

Trautmann ist vielleicht das bekannteste Beispiel eines Deutschen, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Briten kämpfte, sich nach dessen Ende aber in deren Herzen spielte. In England gilt Bert Trautmann noch immer als einer der besten Torhüter aller Zeiten.

Die unglaubliche Story in einem Bericht des WDR, schaut es euch an ->

Bernhard Trautmann und das legendäre FA-Cup Finale

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