Brief eines Gastarbeiters an seine Frau:

Veröffentlicht: 12. September 2012 in Alles was länger ist...

          Suleika, meine liebe Frau,
          ich nix mehr Arbeit hab auf Bau,
          auch Kollege schon entlassen.
          Polier sagt: Nix mehr Geld in Kassen.
          Doch Du nix denken, das sei schlimm,
          ich trotzdem froh und munter bin,
          denn Allah hat mich nicht verdammt,
          war gestern schon bei Arbeitsamt.
          Weil ich noch ein Jahr Aufenthalt,
          komm nicht nach Hause ich so bald,
          muss meiden noch Moschee und Tempel,
          zeig Arbeitsamt Papier – macht Stempel.
          Das ganze Arbeit, nix mehr bücken,
          und kann noch immer Geld Dir schicken.
          Hier scheint mir alles wie verhext:
          Brauch nur zu schlafen – Konto wächst.
          Und ganz bestimmt bis nächsten Winter
          zahlt Arbeitsamt mir Geld für Kinder.
          Ich bin jetzt schon drei Jahre fort,
          vielleicht hast Du noch Kinder dort,
          wo ich nix weiss? Ist ganz egal,
          Du musst mir melden nur die Zahl
          und schleunigst schicken mir nach hier
          von Arzt beglaubigtes Papier.
          Du sollst mal sehen, wie dann geht munter
          Einkommen rauf und Steuern runter.
          Heut Zahnarzt sagen: Ganz gewiss,
          bis Montag hab ich neu Gebiss,
          bis andern Mittwoch neue Brille,
          für alles Wehweh viel gut Pille,
          das alles mir macht sehr schön Spass,
          weil alles zahlt die Krankenkass.
          Wenn Ostern Oma kommt, will sehn,
          dass sie auch kriegt so schöne Zähn,
          damit nix warten muss bei Essen,
          bis Opa fertig hat gegessen,
          weil es doch immer besser iss,
          dass jeder hat sich selbst Gebiss.
          Wir sind hier kleiner Kolonie
          und spielen Karten oft bis früh. 
          Hier, schönstes Land von Welt,
          nix Arbeit und viel Stempelgeld.
          Ich wohn in Altbau noch ganz nett,
          mit Wasser, Strom und auch Klosett;
          ist Zimmerchen auch ziemlich klein,
          fühl ich mich wohl als wie daheim.
          Hast Du auch unser Zelt geflickt
          von Geld, was ich Dir hab geschickt?
          Halt Einsamkeit noch ein Jahr aus,
          dann bring ich Geld und baue Haus.
          Vermiete Zelt dann mit viel List
          an Deutsche, Schweizer, die dann als Tourist
          will wohnen in Nomadenzelt,
          weil ihnen das so gut gefällt,
          Und nun ich machen Brief jetzt Schluss,
          will senden Dir ganz viel Gruss.
          Bleib schön gesund, grüss alle Lieben,
          sag ihnen: Ali hat geschrieben 
         

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