Archiv für 12. Februar 2013

Vorwort: Ich erinnere mich noch genau, als an einem sonnigen Tag der Satz von meinem Vater kam: „Spielt aber nicht im Sandkasten!“. Ich war 11 Jahre alt und verstand nicht den Hintergrund seiner Botschaft. Aber der Satz von meinem Vater prägte sich ein und so spielten wir eine lange Zeit nicht mehr im Sandkasten, bis der Sand ausgetauscht wurde.

Es hatte mit den Fernsehbildern zu tun, die im Fernseher gebracht wurden und immer wieder eine Art kaputte Fabrik zeigten. Auch an diese Bilder erinnere ich mich ganz gut, nur…es war keine Fabrik.

Das waren meine Wahrnehmungen und Erfahrungen als Kind mit dem Super-GAU in der Ukraine, genauer gesagt im April 1986.

Über 1500km weiter östlich spielten sich zeitgleich ganz andere Schicksale ab. 49360 Einwohner verließen in dem Glauben bald wieder nach Hause zu können ihr nahezu gesammtes Hab und Gut. Man klärte Sie nicht über die Situation auf, daß Sie ihr vorheriges Leben verloren…das Leben in ihrer Stadt Prypjat.

Die Stadt liegt am gleichnamigen Fluss Prypjat und ist mit einer Entfernung von etwa vier Kilometern die dem am 26. April verunglückten Reaktor nächstgelegene Siedlung. Damit liegt Prypjat inmitten der unbewohnbaren 30-Kilometer-Zone um das Kraftwerk.

Prypjat wurde 1970 zeitgleich mit dem Bau des Atomkraftwerks gegründet. Hier wohnten überwiegend die Mitarbeiter des Kraftwerks mit ihren Familien. Die Stadt wurde schnell wohlhabend und war sehr modern. Im April 1986 lag die Einwohnerzahl bei 49360, zwei Tage später  liegt die Zahl bei 0, bis heute.

Aufgrund des schleppenden Informations- und Notfallmanagements wurde Prypjat erst 36 Stunden nach dem Reaktorunfall evakuiert. Dadurch wurden viele Anwohner einer hohen Strahlung ausgesetzt und litten oft an Spätfolgen. So wurde gegen Mittag des 27. April eine kurze Radionachricht gesendet, in der die Bevölkerung aufgefordert wurde, sich auf eine dreitägige Abwesenheit einzurichten. Die Evakuierung erfolgte mit ca. 1.200 Bussen innerhalb von zweieinhalb Stunden. Viele Gebäude befinden sich noch im Originalzustand. Allerdings kam es im Laufe der Zeit zu Vandalismus und Plünderungen. So wurden fast alle Wohnungen nach der Evakuierung ausgeraubt und beschädigt.

Offiziell starben bis heute ca. 5000 Menschen bei dem Unglück.

Eine Stadt ohne Einwohner. Eine Stadt, die nach und nach von der Natur zurückerobert wird. Ein mittlerweiler skuriler, bedrückender, unheimlicher aber auch einzigartig faszinierender Ort. Und das zieht mittlerweile Touristen aus aller Welt an!

Der Tourismus boomt seit 2009 in der Unglückszone, jedoch sind in der Stadt lediglich die Hauptstraßen dekontaminiert. Stark kontaminierte Zonen werden nach wie vor bewacht. Noch heute wird die Infrastruktur Prypjats durch ständige Bauarbeiten erhalten. Dieses ist unter anderem für einen weiteren und reibungslosen Ablauf im AKW aber auch für einen erneuten Notfall notwendig. Im Juli 2011 wurde das Gebiet um das Kernkraftwerk Tschernobyl endgültig für den Tourismus geöffnet.

Vor dem Hintergrund des sich verstärkenden Interesses stellt sich die Frage, wie weiter mit der Stadt umgegangen werden soll. Denn zum einen wird die Region aufgrund der Kontaminierung mit radioaktivem Material mindestens für die nächsten 300 Jahre unbewohnbar bleiben. Andererseits ist der Ort zum Sinnbild der Anti-Atomkraft-Bewegung geworden und stellt damit ein Mahnmal dar, das vor allem die Denkmalpflege vor interessante Diskussionen stellen wird.

Das US-amerikanische Forbes Magazine bezeichnete Prypjat/Tschernobyl bereits als Destination der Kategorie „world’s unique places to visit“ (weltweit einzigartige Orte für einen Besuch).

In Tschernobyl und in der Sperrzone arbeiten über 4000 Menschen, damit nichts weiteres passiert. Die meisten sind vom Militär. Um ein Atomkraftwerk komplett stillzulegen und abzubauen benötigt es mehrere Jahrzehnte!

Prypjat wurde aufgrund seiner Einzigartigkeit auch in der Filme- und Spielewelt zum Ort des Geschehens

  • Chernobyl Diaries (Horrorfilm, 2012)
  • Stalker (Videospielreihe, 3 Teile)
  • Call of Duty 2 und 4 (Videospielreihe)

Mehr Infos? Auf den Internetseiten www.prypjat.com und www.iplaces.com gibt es weiteres Bildmaterial, auf www.iplaces.com zudem sehr interessante Erkundungs-Tagebücher.

Foto-Quellen: www.wikipedia.org, www.prypjat.com, www.iplaces.com

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Als MTV noch Musik lebte und Viva erschien

Veröffentlicht: 12. Februar 2013 in MUSIKwelt, NERVig!
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Ich digitalisiere gerademeine VHS-Kassetten und habe mit den Musik-VHS angefangen. Was mir dabei auffiel…MTV hat einst Musik rund um die Uhr gespielt…richtig geil! Daher wahrscheinlich das „M“ für Musik, wa? Ey…da kommen die Zeiten hoch….Musik, Musik und Musik zum gucken, hören, fühlen, leben! Nicht den ganzen Tag irgendwelche Show´s, Soaps und Zeichentrickmist!! Und Viva kam dazu…einfach himmlisch, was für eine Zeit. Wir reden hier von den 90ern, als Vanessa Warwick noch Monster´s of Rock moderierte. Mittlerweile gibt´s Spongebob-Tage auf Viva…zum kotzen!

Ich schätze mal, wir werden die Sender nie wieder so hören wie sie einst waren. Die Seelen wurden verkauft und gegen Mist ausgetauscht.

Schade…es war mal so geil!

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Der Gimlet ist schnell zubereitet und schmeckt zu jedem Anlaß.

  • 4cl Gin
  • 2cl Lime Juice
  • wer mag kann noch etwas Limettensaft beifügen

Das Ganze kurz auf Eis shaken, fertig! 🙂

Das man dann doch noch mehr über den Gimlet verfassen kann, sogar über die Art der Zubereitung, das könnt ihr hier nachlesen.

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Offener Brief an Martin Kind

Veröffentlicht: 12. Februar 2013 in AKTUELLES / NEUES, Hannover 96
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ich lasse das mal unkommentiert

Offener Brief an Martin Kind, Präsident Hannover 96

Ein Focus-Reporter reiste unter falschem Vorwand in das Land, welches jüngst einen erfolgreichen, dritten Atombombentest durchführte. In ein Land, in dem ein halbes Kind eine Armee mit 1,2 Millionen Soldaten regiert, Nordkorea!

Ich bin in Nordkorea nicht erwünscht. Ein Journalist aus dem dekadenten, imperialistischen Westen ist der Letzte, den sie reinlassen wollen. Das Erste, was ich also tun muss, um ins Land zu gelangen, ist: meine offizielle Profession ändern. Ich gebe mich als Deutschlehrer aus, der von der moralischen Überlegenheit Nordkoreas über den Kapitalismus lernen möchte. Meine bisher dilettantischste Tarnung, denke ich noch, als ich nach wochenlangem Visums-Getue im Zug sitze, der mich von der Grenze zu China in die Hauptstadt Pjöngjang bringen soll. Ins Zentrum eines der letzten Reiche des Bösen.

Zu dieser Visite drängt mich nach alldem, was jüngst mit der Bucherscheinung „Flucht aus Lager 14“ bekannt geworden ist, meine Neugier. Von unfassbarer Grausamkeit handelt die Lebensgeschichte Shin Dong-hyuks, des ersten nordkoreanischen KZ-Insassen, dem die Flucht aus dem Gulag gelang: von erschlagenen Kindern, Exekutionen, Feuerfolter und Familienverrat als Überlebensmoral. Nordkorea ist ein Polizeistaat, in dem Menschenrechte, Meinungs-, Glaubens- und Bewegungsfreiheit nicht existieren. Was weiß man über dieses Land? Nicht viel. Im Dezember 2011 starb der Diktator Kim Jong Il, der seine Rolle als Darth Vader der Weltgemeinschaft bravourös erfüllt hatte. Nach dessen Tod erbte sein 28-jähriger Sohn Kim Jong Un ein Land, in dem Hunderttausende in Straf- und Arbeitslagern vegetieren, Hungersnöte die Untertanen dezimieren, Todesstrafen zur Tagesordnung gehören. Ab jetzt, ich bin mir sicher, befinde ich mich auf der dunklen Seite der Macht.

Fräulein Lee führt mich durchs Land

Das „Böse“ hat mir Fräulein Lee als Reiseleiterin zur Seite gestellt, und ich ahne bereits, als wir uns im Zug begrüßen, dass ich von der hässlichen Wahrheit des Landes nicht viel sehen werde. Fräulein Lee ist ausgesprochen hübsch, 23 Jahre alt, trägt einen schmucken schwarzen Blazer und einen kurzen Rock. Eine höfliche junge Frau mit hoher Flötenstimme, die sich tief vor mir verbeugt. Ich bin sofort ein bisschen verknallt – und empfänglich für die Regeln, die ich „unbedingt beachten“ muss: Ich darf nicht aus dem Zug fotografieren, sagt sie, auf gar keinen Fall Soldaten oder militärische Gebäude, am besten gar keine Gebäude. Auch keine Menschen außerhalb der Hauptstadt. Auch darf ich mich mit normalen Nordkoreanern nicht unterhalten. „Das könnte die Leute verstören. Verstanden?“

Wir rollen gemächlich zwischen braunen Äckern hindurch, in denen Kinder und Frauen nach Wurzeln graben. Das ganze Land scheint ein einziger großer Acker zu sein, durch den sich ausgetrocknete Flussbetten schlängeln. In den Gräben neben den Gleisen schlafen erschöpfte Körper. An Bahnhöfen stehen junge Rekruten mit grauen Gesichtern und Gewehrattrappen. Sie sehen aus wie Kinder in zu großen Uniformen. Und Fräulein Lee konterkariert die Bilder mit einer Suada über blühende Landschaften und die Überlegenheit der nordkoreanischen Technologie über die der Kapitalisten.

Dazu lächelt sie bezaubernd, vor allem wenn sie vom Ihm spricht, dem „Gottgleichen“, dem „Vater aller Koreaner“, „so strahlend wie ein aufgehender Stern“. Kim Il Sungs Abbild steckt am Revers ihres Blazers. „Ihm, der Sonne der Menschheit, verdanken wir unsere Freiheit“, sagt sie und unterbricht sich, um mich zu bitten, mit dem Fotografieren aufzuhören. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass dies nicht erlaubt ist.“ Ich halte mit einem Flirt dagegen: „Sind Sie verheiratet?“ – „Nein!“ Sie habe den Richtigen noch nicht gefunden. Ob ich da eine Option wäre? Sie versteckt ihr Lachen hinter der Hand. Koreaner müsse er sein, erfahre ich. Und Parteimitglied, sagt sie.

Die nordkoreanische Gesellschaft ist in ein dreigliedriges Kastensystem eingeteilt. Ganz oben stehen die „freundlich gesinnten“ Kräfte, die Profiteure des Regimes, Parteikader und deren Familien. Dazu zählt ganz eindeutig Fräulein Lee. Gleich darunter kommen die „neutralen“ Kräfte, die stillen Jasager, die sich täglich mit der Realität arrangieren. Und ganz unten sind die „feindlichen“ Kräfte angesiedelt. Zu ihnen zählen die Familienangehörigen von Nordkoreanern, die in den Süden übergelaufen sind, Unternehmer und Geistliche aus vorsozialistischer Zeit, ehemalige Angestellte der japanischen Kolonialbehörden und Häftlinge. Und – immer auch: all deren Familien. Rund 200.000 Menschen, also fast ein Prozent der etwa 24 Millionen Einwohner Nordkoreas, sollen derzeit in sechs riesigen Straflagern inhaftiert sein, schätzt Amnesty International. Rund 10.000 Tote jährlich soll es laut Menschenrechtsorganisationen in diesen Lagern geben. Tod durch Arbeit, aber auch durch Folter und Exekutionen, wie Gulag-Flüchtling Shin Dong-hyuk sie schon als Kind sah. Erschießungen, vor denen man den Todeskandidaten Steine in den Mund steckte. Auch von Menschenversuchen berichten nordkoreanische Flüchtlinge. Davon, dass systematisch neue Waffen und auch Giftgas an Lagerhäftlingen und minderjährigen Behinderten getestet würden.

Ich lehne mich aus dem offenen Zugfenster, der warme Fahrtwind bläst mir ins Gesicht. Ich winke Schulkindern zu, die kichernd zurückwinken. Winke Bauern zu, die sich erschrocken wegdrehen. Winke Soldaten zu, die mich mürrisch anblicken. Nach einer Weile bittet mich Fräulein Lee, mit dem Winken aufzuhören.

Es ist schon dunkel, als wir die Hauptstadt Pjöngjang erreichen. Am Bahnhof werde ich in einen weißen Minibus mit getönten Scheiben verfrachtet, der mich in ein Hotel auf einer Halbinsel im Taedong-Fluss bringt. Es ist acht Uhr, die Straßen sind gespenstisch leer, als Fräulein Lee mir gute Nacht wünscht und mit erhobenem Zeigefinger erläutert, dass ich das Hotel unter keinen Umständen allein verlassen darf. Statt mich also im Dienste der Völkerverständigung mit Koreanern zu betrinken, blättere ich im Drehrestaurant im 47. Hotelstock – das sich nicht dreht – bei drei Taedonggang-Bieren in einer alten Ausgabe der „Pyongyang Times“ und erfahre: Ganz Deutschland beweinte den Tod des geliebten Führers Kim Jong Il. Die Deutschen konnten vor lauter Trauer nicht arbeiten. In Nordkorea trauerten selbst die Tiere, Kraniche flogen nur noch mit gesenkten Köpfen.

Am Morgen schlägt Fräulein Lee das nächste Märchenkapitel auf. Sie macht das wirklich gut – aber auch Pjöngjang hilft: trotz des architektonischen Sieges der sozialistischen Platte eine überraschend angenehme und saubere Stadt. Nirgends hängt Reklame. Nur Propagandaschriften, die an den Sieg der Revolution über die Imperialisten erinnern. Schöne Verkehrspolitessen in himmelblauen Uniformen, weißen Söckchen und schwarzen Lackpumps drehen formvollendet Pirouetten auf den Boulevards und filtern den nicht vorhandenen Verkehr zwischen sozialistischen Prachtbauten und stalinistischen Monumenten. In den Parks picknicken Familien. An Kanälen und Flussläufen sitzen alte Männer und angeln. Trambahnen bimmeln. Und alles, darauf besteht Fräulein Lee, ist hier besser und schöner als andernorts: der Triumphbogen größer als der in Paris. Das „Stadion des 1. Mai“ fasst 150.000 Besucher. Das jährliche Arirang-Festival ist die größte Massenveranstaltung der Welt. Und wir fahren mit der „tiefsten U-Bahn der Welt“ zur „Großen Lernhalle des Volkes“, in der drei Millionen Bücher lagern sollen, darunter alle Werke von Kim Il Sung, Kim Jong Il, Mao, Lenin, Rosa Luxemburg, Karl Marx. „Wir haben auch deutsche Bücher“, sagt Fräulein Lee, und die Dame an der Buchausgabe zaubert drei Exemplare hervor: „Tiere in Dschungel und Savanne“, „Herders praktisches Garten-Lexikon“ und „Katzen: Ein Kosmos Ratgeber“.

Über 10.000 der Bücher hier soll allein die „Sonne der Menschheit“ geschrieben haben. Auch 18 Jahre nach dem Tod des Despoten blüht der religiöse Kult um Kim Il Sung, der neben seinem toten Sohn Kim Jong Il zur Stelle ist, egal, wohin man kommt. Sie blicken von Denkmälern und Plakaten – am Kim-Il-Sung-Platz, an der Kim-Il-Sung-Universität, in U-Bahn-Waggons, an allen öffentlichen Gebäuden. Ein autoritärer Bilderkosmos, ein Paralleluniversum: das Fundament der Diktatur. Nirgends sonst wird er so deutlich wie am Mansudae-Park. Hier stehen Vater und Sohn in heiliger Zweifaltigkeit nebeneinander, haushoch und in Bronze gegossen. Tausende kommen täglich hierher, die sich in tiefer Dankbarkeit verneigen, rote Begonien und lilafarbene Orchideen niederlegen. Fräulein Lee winkelt in tiefer Ergriffenheit ihren Oberkörper ab. Als sie sich wieder aufrichtet, stehen ihr Tränen in den Augen. „Ich vermisse unseren geliebten Führer, Marschall Kim Jong Il, so sehr“, sagt sie mit zittriger Stimme, bevor sie in Tränen ausbricht.

Und ich? Würde sie gern in den Arm nehmen. Sie am liebsten gleich mitnehmen in meinen Orbit und ihr das Theater einmal von außen zeigen. Doch das Verlassen des Landes ist Nordkoreanern verboten, ebenso wie die Nutzung von Mobiltelefonen, freier Presse, Satellitenfernsehen, Internet. Das alles ist im – laut Transparency International – „korruptesten Land der Welt“ strafbar und hilft, die rund 180 Haftanstalten zu füllen, in denen die meisten Insassen ohne Gerichtsverfahren einsitzen. Ich frage Fräulein Lee, was sie über Südkorea und die USA weiß. „Südkorea ist ein entwickeltes Land, aber leider leben die meisten Menschen dort in Irrenhäusern, weil sie so viele Steuern zahlen müssen und deshalb wahnsinnig werden.“ Und in den USA herrsche nur Mord und Totschlag auf den Straßen, weil dort das Kapital herrscht. „Das Einzige, was Nord­korea fehlt, ist die Wiedervereinigung mit dem Süden.“ Natürlich unter nordkoreanischer Führung. „Ein Land, zwei Systeme. Das bessere gewinnt“, sagt sie.

Was ihr System zu bieten hat, ist genauer zu sehen, als wir die Hauptstadt auf der „Autobahn der Helden der Jugend“ verlassen. Wir passieren unentwegt Militärposten, müssen stoppen, Papiere vorzeigen, denn ohne Genehmigung ist es Nordkoreanern nicht gestattet, ihre Stadt oder Gemeinde zu verlassen. „Die Partei will uns so beschützen.“ Wovor Fräulein Lee beschützt werden muss, sagt sie nicht. Stundenlang fahren wir auf dem Highway, den sich unser Minibus und drei Mercedes-Limousinen teilen. Ansonsten kein Verkehr. Abertausende Frauen mit Reisigbesen fegen die Autobahn, kein Kieselstein bleibt übersehen. Andere stopfen Schlaglöcher und Frostrisse mit Steinen, die sie mit kleinen Handschaufeln vom Straßenrand holen. Ein Heer fleißiger Arbeitsbienen, die im Dienste der Revolution über den Asphalt robben.

Außerhalb der Hauptstadt sehen die Straßen und Häuser aus wie zersplitterte Vasen, die man hastig wieder zusammengeflickt hat. Die heruntergekommene Infrastruktur ist ein stummer Zeuge der jahrzehntelangen Mangel- und Misswirtschaft. In den Hungersnöten der 90er-Jahre starben etwa zwei Millionen Nordkoreaner. Das Land ist auf Lebensmittellieferungen aus dem Westen angewiesen, weil es nicht in der Lage ist, sein Volk zu versorgen. Wir fahren an zwei Kindern vorbei, die auf der Straße knien und gierig eine weiße Substanz vom Asphalt abschlecken, die wie Zucker aussieht und aus einem Sack rieselt. Ein Lastwagen muss sie verloren haben. Ich erzähle es Fräulein Lee, aber die sagt nur, dass ich mich getäuscht haben müsse.

Ich frage mich, ob Fräulein Lee vielleicht ein wenig Recht hat. Sehe ich nur das, was ich sehen möchte, weil ich voll bin mit Vorurteilen? Gern würde ich ihr wenigstens einen einzigen Satz entlocken, den ich glauben kann. Doch sie redet davon, dass es in Nordkorea weder Mord noch Totschlag gebe, keinen Diebstahl, keine Prostitution, auch keine Schwulen und Lesben, das sei gegen die Lehren Kim Il Sungs. Und Arbeitslosigkeit gebe es auch nicht. Wer keine Arbeit hat, werde zum Arbeitsdienst heran­gezogen. Ich frage Fräulein Lee, was mit den Leuten geschieht, die gegen das Regime sind. Sie überlegt, fährt sich mit der Zunge über ihre Lippen. Dann sagt sie, dass es niemanden in Nordkorea gibt, der die geliebten und ewigen Führer nicht liebt. Von daher sei meine Frage überflüssig. Ich lasse nicht locker: Zehntausende politische Gefangene und deren Familien seien doch in Haft, oder? Ja, Gefangenenlager gibt es, sagt sie, aber dort sitzen keine Verbrecher, „sondern nur Menschen, die vom rechten Glauben abgefallen sind und die sehr dankbar darüber sind, umerzogen zu werden. Alles andere sind Lügen der Imperialisten.“ Sie nestelt an der Anstecknadel mit Seinem Abbild herum.

Wir erreichen die Internationale Freundschaftsausstellung in den Myohyang-Bergen. Zwei riesige Gebäude aus Marmor, die aussehen wie Tempel. Vor den gewaltigen Schiebetüren stehen Soldaten mit silberbeschlagenen Kalaschnikows. Drinnen muss ich meine Kamera abgeben, in ein Paar Filzpantoffeln schlüpfen und werde durch mehrere Metalldetektoren geschleust. Wir wandern über weite Marmorflure, begleitet von Symphonien, die Kim Il Sung selbst komponiert hat, und halten kurz an einer Wachsfigur von Ihm. Fräulein Lee knickt wieder ihren Körper an der Hüfte ab.

Im Inneren der Halle lagern Geschenke, die Staatsgäste zu Ehren der Kims mitgebracht haben: Stalins gepanzerte Limousine. Ein ausgestopftes Krokodil, das wie ein Ober gekleidet ist und ein Tablett mit Teegläsern trägt – ein Geschenk der Sandinisten aus Nicaragua. Ein Bärenkopf von Nicolae Ceausescu. Ein Sturmgewehr von Fidel Castro. Ein Aschenbecher von Jimmy Carter. Eine Stereoanlage von Hu Jintao. Mugabe, Honecker, Breschnew, sie alle haben sich hier verewigt. Es müssen Zehntausende Geschenke sein. „Wenn unser geliebter Führer all diese Stücke verkauft hätte, wäre er der reichste Mann der Welt. Aber weil er unser Volk so liebt, hat er uns diese zum Geschenk gemacht“, sagt Fräulein Lee.

Auf dem Weg zum Zug, der mich zurückbringen soll in die Realität, passieren wir eine Gruppe von Soldaten, die kichernd und tobend wie kleine Jungs Bocksprünge machen und dies sofort einstellen, als sie mich erblicken. Langsam möchte ich weg hier. Ab auf die Schiene, zurück nach China. Und tatsächlich befällt mich beinahe ein Anflug von Erleichterung, als ich aus dem Zugfenster die glänzenden Hochhäuser der chinesischen Millionenstadt Dandong in den Himmel wachsen sehe. Ein Fluss und Jahrzehnte der Entwicklung trennen beide Welten und die Menschen, die in ihnen leben. Ob Fräulein Lee das – wenigstens – ahnt? Sagen würde sie es niemals.

Der Autor hat alle Personen anonymisiert und schreibt unter Pseudonym, um seine nordkoreanische Reiseleiterin zu schützen. Ihr drohen im Fall kritischer Berichterstattung Haft oder Arbeitslager.

(Quelle: www.focus.de)